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Der wedrussische Brauch der Trauung

Der wedrussische Brauch der Trauung

Beitragvon Dzhiwa » Fr Nov 01, 2013 10:06 pm

Der Brauch der Trauung


Der wedrussische Brauch der Trauung ist dir bereits bekannt, Wladimir. Du hast auch schon im „Buch der Ahnen“ darüber geschrieben. Ich rufe hier noch einmal das Wesen dieser großartigen Taten in Erinnerung.
Die Verliebten sollten noch gemeinsam den Platz für deren künftigen Familienlandsitz wählen. Sie beide gingen an den Siedlungsrand, wo er mit seinen Eltern lebte. Danach suchten sie die Plätze neben der Siedlung, wo sie lebte, auf. Die Verliebten hatten keinerlei Notwendigkeit, dass sie ihre Vorhaben den Eltern offenbarten. In beiden Siedlungen begriff und wusste auch so jeder, dass hier eine Schöpfung bevorstand.
Auf dem gewählten Grundstück, das 1 Hektar groß oder mehr war, projektierten die Verliebten ein reales Leben. Sie sollten noch in Gedanken das Haus planen, einen richtigen Standort für eine Vielzahl von Pflanzen finden, so dass alles miteinander in Wechselbeziehungen tritt und sich hilft.
Ljubomila und Radomir fanden ganz schnell einen Platz für ihren künftigen Familienlandsitz. Sie gingen wie vereinbart hinter den Rand des Dorfes, dorthin, wo ein Waldstreifen wuchs und ein kaum wahrnehmbarer Bachlauf floss, der von einer kleinen Quelle hervorkam.
Hier war Radomir bereits früher gewesen. Hier saß er für sich allein und träumte oft von dem, was kommen wird, vom gemeinsamen Leben mit seiner Geliebten.
Zweimal kam auch Ljubomila hier vorbei, wo Radomir gerade woanders war. Sie wusste es ja selbst noch kaum, wieso, durch welchen Grund sie hierher kam, sie hielt jedoch ihr Pferd am Bach an und ging zum Wäldchen hin. Dort löste sie ihren Zopf auf, fasste ihre Haare mit dem Band ein und verweilte lange an einer Birke.
Nun standen die Verliebten in Zweisamkeit an jenem Ort.
„Ich weilte früher gerne hier allein. So will ich jetzt, dass unser Familien-Stamm hier fortgesetzt wird.“ sagte Radomir.
„Ich finde auch mein Geschmack an diesem Ort“, flüsterte Ljubomila.
Am nächsten Morgen beim Sonnenaufgang kam Radomir auf einem Pferdewagen und brachte 15 Stangen, lange Weidenruten, kleine Holzpfähle und eine Sense auf den erwählten Platz. Er begann mit dem Sensen, da erblickte er Ljubomila auf ihrem Roß im Galopp. Radomir sah dieses Traumbild und bewunderte es, sein Herz schlug schneller. Drei Meter vor der vorgestellten Grundstücksgrenze sprang die schöne junge Frau nahe Radomir vom Pferd, wobei dies noch weiter ritt.
„Ich grüße dich an diesem neuen Tag, mein Schöpfer!“, strahlte Ljubomila Radomir an. „Der Tag wird schön, so dachte ich, ich bringe farbiges Band, damit wir die Standorte für unsere künftige Pflanzungen anzeichnen.“
„Dir danke ich für die Verschönerung dieses Tages“, erwiderte Radomir.
Weder nahmen sie sich in die Arme noch küssten sich die Verliebten. Derartiges war bei den Wedrussen vor der Trauung keine Sitte. Darin war ein tiefer Sinn verborgen: Umarmungen und Küsse vor der Kinder-Zeugung wollten sie in keine alltäglichen Handlungen verwandeln. So waren sie, wenn der Augenblick der Zeugung kam, auf ihrem höchsten Punkt. Sie machten sich auch keine Verabredungen. Jeder kam auf den gewählten Platz von allein, wenn er oder sie ein Verlangen danach verspürten. Jeden Tag beim Sonnenaufgang kam als erster Radomir, danach erschien auch Ljubomila auf ihrem Pferd.
Eine Woche später errichtete Radomir eine Laubhütte, die einem wunderbaren Häuschen glich. Zweieinhalb Meter breit und drei Meter lang war sie. Die Stangen grub er in den Boden ein, Wände gestaltete er mit geflochtenen Zweigen. Ebenfalls mit Stangen und Zweigen fertigte er eine Überdachung an. Darüber legten die Verliebten trockenes Gras und im inneren Raum bedeckte Ljubomila die Wände und die Decke mit gewebtem Leinenstoff. Zwei Schlafplätze richtete Ljubomila ein: legte Stroh auf den Boden, darüber Heu und bedeckte diese mit Stoff. Nachdem das wunderschöne Häuschen nun errichtet war, nächtigten die Verliebten oft darin, es gab jedoch keinen Geschlechtsverkehr zwischen ihnen. Es galt als Verletzung der künftigen Kinder, wenn man vor der Trauung, vor der Gestaltung des Familiennestes Geschlechtsverkehr hatte. Die Verliebten hatten auch jede Menge Aufgaben. Radomir brachte eine breite Holztafel, mit dem Schnitzmesser schnitzte er darauf den Plan des Grundstücks, stellte alle Windrichtungen dar, zeichnete Sonnenaufgang und Abenddämmerung an, auch wie der Mond aufsteigt. Und noch vermerkte er auf diesem Plan tagsüber und nachts die Bewegungen des Windes, die Stärke und die Richtung dessen.
Ljubomila suchte oft die Grundstücksgrenzen auf, verweilte dort lange und malte mit ihrer Vorstellungskraft Bilder mit künftigen Pflanzungen. Danach ging sie zum Plan von Radomir und überprüfte nach ihm, ob der Wind oder Schatten diesen Pflanzungen womöglich schaden würden.
Als der Winter kam, besuchte Ljubomila seltener den Ort der Liebe. Sie webte im Hause ihrer Eltern den Leinenstoff und bestickte liebevoll das Hemd für Radomir.
Radomir kam jedoch öfters in den künftigen Familienlandsitz, vermerkte nach wie vor die Bewegungen des Windes, merkte sich, wo der Schnee die Erde bedeckte.
So fertigten die Wedrussen jedes Jahr einen Wetterkalender. Solche schematischen Tafeln gab es in jeder wedrussischen Familie. So konnten sie damals das Wetter für ein Jahr und sogar für zwei oder drei Jahre genau vorhersagen. Es erscheint vielleicht, dass es doch viel einfacher wäre, dass man den elterlichen Kalender nur kopiert. Es würde jedoch weniger genau sein. Das Areal hat ja eine etwas andere Landschaft, ein Hügel oder ein kleines Wäldchen konnten Pflänzchen vor dem Winde schützen. Im Winter konnten die Schneedecken eine andere Höhe haben. Nun als der Frühling kam, war das Projekt in den Gedanken von Radomir und Ljubomila fertig. Im zeitigen Frühjahr zogen sie wieder gemeinsam in ihr Häuschen ein. Jetzt sollten sie noch mit kleinen Holzpfählen, Bändern und Zweigen alle Pflanzungen kennzeichnen, das Projekt in allen Kleinigkeiten noch in Harmonie bringen. Und Radomir musste noch einen Brunnen graben und die Quelle einfassen. Nur noch zwei Wochen blieben vor dem günstigen Zeitpunkt, an dem die jungen Setzlinge in die Erde gepflanzt werden konnten. Jetzt bereiteten sich die Verliebten auf die Trauung vor.
Sie gingen erst in die Siedlung, wo der Bräutigam lebte, danach ins Heimatdorf der Braut. In jedes Haus traten sie herein Sie kamen auf jeden Landsitz und luden die Familien auf die Hochzeit ein. Sie wurden schon mit großer Erregung überall erwartet. Denn jeder wollte ihre Liebe sehen und ein Geschenk für ihr künftiges Eigenheim. Als das junge Paar einen Garten oder einen Hof und Heim besuchte, sagten sie nur wenige Worte dem Hausherren. Vielleicht nur einen einzigen Satz, in etwa so: „Wie wunderschön ist Euer Apfelbaum“ oder „Das Kätzchen hat einen klugen Blick“ oder „So taktvoll und so fleißig ist euer Bär“.
Für jeden Hausherren, der solch einen Lob der Verliebten für ein Bäumchen, das im Garten wächst, oder für sein Kätzchen hörte, bedeutete dies die Anerkennung seines wahren Lebens. Auch war das ein Hinweis, dass die Verliebten solch eine Pflanze oder ein Tier auch gerne bei sich hätten.
Man lud die Verliebten weder ins Haus, noch bot man ihnen etwas an. Sonst müsste das junge Paar die Einladung und Bewirtung taktvoll annehmen. Wenn sie jedoch überall als Gäste ein Weilchen sitzen bleiben würden, hätten sie kaum alle Familien vor der Hochzeit besuchen können.
Arga, der Kindheitsfreund von Radomir, brach etwas die allgemeinen Regeln. Als die Verliebten sein Elternheim besuchten und mit seinem Fater redeten, rannte Arga auf den Hof und holte vom Stall einen wundervollen Hengst, den alle in der Siedlung bewunderten. Arga sagte den jungen Leuten voller Aufregung:
„Nehmt bitte diesen Hengst von mir an, Er lässt ja nach wie vor Keinen an sich heran, seitdem er auf dem Jahrmarkt von Ljubomila gezähmt wurde.“ Der Fater schaute verschmitzt seinen Sohn an und sagte: „Kann auch sein, Arga, dass du keinen Reiter an das Pferd heran lässt? Sonst hättest du es ja auch schon einreiten können.“ Etwas verlegen erwiderte Arga: „Das Einreiten überlasse ich jemand anderen. Erst hatte ich die Wahl so getroffen, das dieser Hengst für immer in der Freiheit leben sollte. Jetzt habe ich meine Meinung geändert. Nehmt nun bitte dieses Pferd von mir an.“ Mit diesen Worten reichte er Ljubomila die Zügel. „Danke“, antwortete Ljubomila, „das Pferd kann ich auf keinen Fall annehmen, er hat sich an einen anderen Menschen gewöhnt. Wenn es jedoch ein Fohlen von ihm gibt, das würden wir sehr gern mit Dankbarkeit annehmen.“
Nachdem das junge Paar alle Familienlandsitze besucht hatte, und der für alle vereinbarte Tag kam, eilten Alt und Jung in der Morgendämmerung auf das Grundstück des jungen Paares.
Alle Menschen stellten sich auf die Grenze des Grundstücks, die das junge Paar mit trockenen Zweigen gekennzeichnet hatte. In der Mitte des Grundstücks neben der Laubhütte ragte ein kleiner Hügel mit Blumen geschmückt empor. Auf diesen Hügel stieg Radomir, er trug voller Aufregung vor den versammelten Menschen das Projekt des künftigen Familienlandsitzes vor.
Und jedes Mal, wenn der junge Mann auf einen Platz zeigte, wo eine bestimmte Pflanze wachsen soll, trat vom Kreise der Hörer ein Mensch hervor und stellte sich auf den von Radomir gezeigten Platz. In den Händen hielt der Mensch einen Pflanzensetzling, den Radomir genannt hatte. Vor jedem, der vom Kreis hervortrat, verbeugte sich das Folk. Denn dieser Mensch wurde mit dem Lob des jungen Paares gewürdigt, als sie noch seinen Familienlandsitz besucht hatten, dafür, dass er das Schöne gedeihen ließ. Und so wurde er auch mit der Anerkennung des Schöpfers, des Allfaters, des himmlischen Gottes gewürdigt.
Nachdem Radomir mit der Verkündung seines Projektes fertig war, stieg er vom Hügel und ging dahin, wo seine Ljubomila stand und mit Regung und Ehrfurcht alles beobachtete. Er nahm sie an die Hand und führte sie würdevoll auf den Hügel hinauf. Jetzt standen die Verliebten auf dem Hügel. Radomir äußerte vor allen die Worte:
„Den Raum der Liebe kann keiner alleine erschaffen. Neben mir und vor euch ist meine wunderschöne Muse.“ Da senkte die wunderschöne junge Frau, oder besser gesagt, Jungfrau, ihren Blick vor allen. Jede Frau ist auf ihre eigene Art und Weise schön. Es gibt jedoch im Leben jeder Frau Augenblicke, wo sie sich über alle erhebt. In der heutigen Kultur gibt es keine solchen Augenblicke. Jedoch damals...
Hier richtete Ljubomila ihren Blick auf alle Menschen. In einem Chor vereinten sich die Rufe der Bewunderung von allen Menschen, die vor ihr standen. Im Antlitz der Jungfrau leuchtete ein wagemutiges Lächeln auf. Die Energie der Liebe füllte sie bis oben hin. Mehr als sonst leuchtete die Röte auf ihren Wangen. Der gesunde geschmeidige Körper der Jungfrau und die strahlenden Augen hüllten die Menschen und den ganzen Raum mit Wärme ein. Für nur einen kurzen Blick erstarrte alles vor der Braut. Die junge Göttin erstrahlte in ihrer ganzen Schönheit vor den Menschen. Die Menschen, durch dieses traumgleiche Bild begeistert, bewunderten sie. Deswegen traten die Eltern der Jungfrau erst etwas später in Begleitung der älteren und jüngeren Familienmitglieder würdevoll an den Hügel heran. Am Hügel stehen geblieben, verbeugte sich der Stamm erst vor den jungen Leuten, dann fragte Mutter ihre Tochter, die Jungfrau:
„Die ganze Weisheit unseres Stammes ist in dir. So sag uns, meine Tochter, siehst du das Künftige für das von dir erwählte Stück Land?“
„Ja, Mutter ich sehe es.“ erwiderte Ljubomila.
„Sag mir, meine Tochter, fühlst du das Gute von dem was vor dir liegt?“ fuhr die Mutter fort.
„Das angekündigte Projekt findet in mir grossen Anklang. Nun will ich auch etwas ergänzen.“ Rasch von dem Hügel gesprungen, lief plötzlich Ljubomila zwischen den Menschen an den Rand des künftigen Gartens. Dort blieb sie stehen und sagte:
„Hier soll ein Nadelbaum wachsen und neben ihm eine Birke. Wenn der Wind von der Seite weht, trifft er erst auf die Zweige der Kiefer, danach die der Birke und dann bittet der Wind die Zweige der Bäume, dass sie eine Melodie singen. Das Lied wird immer wieder neu sein und die Seele erfreuen.“ Die Jungfrau lief etwas weiter und verkündete: „Und hier, hier sollen Blumen wachsen. Zunächst soll es hier rot erblühen, danach kommt violett und hier kirschrot.“ Ljubomila tanzte mit erröteten Wangen wie eine Fee durch den Garten. Menschen, die noch im Kreise geblieben waren, kamen erneut in Bewegung und eilten mit den Samen in den Händen an die Orte auf dem Boden, die die begeisterte Jungfrau bestimmte. Nachdem sie ihren Tanz beendet hatte, lief sie auf den Hügel, stellte sich neben ihren Geliebten und kündigte an:
„Jetzt wird der Raum hier wunderschön sein. Die Erde lässt ein wundervolles Bild erblühen.“
Die Mutter wandte sich erneut an die Jungfrau: „Sag allen Menschen, meine Tochter, wer wird die Krönung über diesen wunderschöne Raum sein? Wem von allen auf der Erde lebenden Menschen könntest du mit deiner Hand den Kranz auflegen?“
Die Braut wandte sich an den Bräutigam und erwiderte:
„Eines Kranzes sei nur der würdig, dessen Gedanke einer Schöpfung von einem wunderschönen Morgen fähig ist.“ Dabei berührte sie mit ihrer Hand die Schulter des Geliebten, der neben ihr stand. Er sank vor ihr auf ein Knie. Auf seinen Haupt legte die Jungfrau würdevoll einen schönen Kranz, eingenhändig mit aromatischen Kräutern und Blumen in lieblichem Duft geflochten. Danach strich sie dreimal über die Haare des Gekrönten mit ihrer rechten Hand und mit der Linken neigte sie ganz sanft seinen Kopf an sich heran. Danach stand der gekrönte Radomir auf. Und Ljubomila stieg vom Hügel und verneigte gutwillig ihren Kopf vor ihm.
Jetzt trat nach üblicher Sitte, der Fater des jungen Mannes mit gesamten Familienbund an den Hügel heran. Sie blieben ehrenvoll dort stehen, und der Fater fragte den gekrönten Sohn, der auf der Anhöhung war: „Wer bist du, dessen Gedanke einer Schöpfung des Raumes der Liebe fähig ist?“ Radomir hielt seine Antwort: „Ich bin dein Sohn und Sohn des Schöpfers.“
„Ein Kranz wurde dir aufgelegt, als/das Zeichen einer großartigen Bestimmung. Was wirst du, Gekrönter jetzt tun, wo du nun über deinen Raum die Macht besitzt?“
„Ich werde das, was kommen wird wunderschön gestalten.“ ertönte die Antwort.
Erneut fragte der Fater: „Wo schöpfst du Kraft und Eingebung, mein Sohn und der gekrönte Sohn des Schöpfers?“
„In der Liebe“
Und wieder kam die Frage: „Die Energie der Liebe kann durch die alle Welten wandern. Wie erblickst du das Spiegelbild der Weltall-Liebe auf der Erde?“
„Es gibt eine Jungfrau, mein Fater, und für mich ist sie die Erscheinung der Energie der Weltall- Liebe auf Erden.“ Bei diesen Worten stieg er neben Ljubomila vom Hügel, nahm sie an die Hand und führte siewieder auf den Hügel hinauf.
Zwei Familienstämme vereinten sich in ein Ganzes, dabei nahmen sich alle in die Arme, lachten und erfreuten sich. Danach bedanke sich der junge Mann bei allen. Nun pflanzten die Menschen ihre natürlichen Geschenke dort, wo es der junge Mann ihnen vorher gezeigt hatte. Jene, die keinen Platz angewiesen bekommen hatten, gingen an die Grenze des Grundstücks und gaben die mitgebrachten Samen mit einem Reigenlied in die Erde. Es waren nur einige Minuten vergangen, und ein wundervoller Garten war bereits angelegt. Und wieder erhob der gekrönte junge Mann seine Hand und nahm in der Stille das Wort: „Die vom Schöpfer dem Menschen geschenkten Tiere sollen nun in Freundschaft neben uns hier leben.“
Und all jene, die Tiere als Geschenk vorbereitet hatten, kamen an die Laubhütte und brachten in den Händen ein Kätzchen, einen Welpen, oder sie führten ein Kälbchen, ein Bärenjunges an der Leine. Arga, der Freund von Radomir schenkte ihnen das versprochene Fohlen.
Danach wurden mit den von Zweigen geflochtenen Zäunen ganz schnell Stallungen neben der Laubhütte aufgebaut. Bald füllte sich der Zeitbau des jungen Paares mit jungen Tieren. Darin lag ein tiefer Sinn: Gemischt werden sie für immer in Freundschaft leben, füreinander sorgen und sich helfen.
Das frisch vermählte Paar nahm die Geschenke an und dankte allen herzlich. Danach begann die freudevolle Feier, mit Reigen und Lieder, so wie es üblich war. Und junge Leute gingen jeder mit seiner Familien heim. Zwei Nächte und ein Tag werden sie nun erst mal jeder für sich sein.
In dieser Zeit brachten die besten Meister beider Siedlungen bereits vorher vorbereiteten und vorgefertigten Stämme für das Blockhaus, deckten das Dach, legten den Boden, dichteten alle Spalten mit trockenem Moos, Flechten und Gras. Die Frauen stellten die besten Früchte in das Heim. Zwei Mütter deckten das Bett mit einer Leinendecke. In der zweiten Nacht verließen alle Menschen den Familienlandsitz. Die Energie der Liebe schwebte über ihm, erwartete das Liebespaar.

Schau nur, was passiert, Wladimir. Eine wedrussische Familie, in dem Falle die Familie von der kleinen Ljubomila, nahm die aufgeflammte Liebe im Mädchen als Gottes Geschenk wahr. Und sie behandelten dieses Gefühl wie ein neues Familienmitglied, der von Gott als Helfer bei der Erziehung des kleinen Mädchens gesandt wurde. Oder auch als Grunderzieher. So half die Großmutter dem Mädchen dabei, dass es das begreift, was die großartige Energie der Liebe von ihm will. Sie zeigte auf eine einfache konkrete und für das Kind verständliche Art und Weise, was es tun soll. Das Mädchen erlernt mit grösster Hingabe die Wissenschaften, die Weisheiten des Daseins, vollkommnet ihren Geist und Körper.
„Wer hat für Ljubomilas Erfolg gesorgt? Die Großmutter, die weisen Lehrer-Wolchwen, das Mädchen selbst oder die große ewige Energie der Liebe?“
„Ich denke, wenn man den Anteil der Energie der Liebe weg nimmt, so würden alle anderen Teilnehmer im Erziehungsprozesses des Mädchens kaum die Hälfte des Erfolges erreichen können. Wäre sie ohne Erzieher, so könnte die Energie der Liebe auch kaum alleine das Mädchen auf den richtigen Weg lenken.“
„Also war es eine gemeinsame Schöpfung der Freude Aller. Das ist genau das, was sich Gott von dem Menschen wünscht.“
„Genau. Der Brauch der Trauung selbst ist bereits das höchste Meisterwerk im Glanz des Schönen, mit Sinn und voll Zweckmäßigkeit. Wenn wir es mit heutigen Hochzeitsbräuchen vergleichen, so stellen wir fest, dass wir okkulte Idioten geworden sind. Was bleibt denn jungen Leuten nach der modernen Hochzeit übrig? Erinnerungen über die Autofahrt ans „Ewige Feuer“, ein Besäufnis im Restaurant oder Café, öffentliche Küsse, die die Energie vergeuden, die für die Zeugung des Kindes vorbestimmt wäre. Nach dem wedrussischen Brauch der Trauung erhalten die jungen Leute keine Erinnerungen, sondern ein reales Haus, das mit Freude von den besten Meistern gebaut wurde, ein Garten mit einer Pflanzenvielfalt, die mit den Händen von Verwandten, Freunden, Nachbarn der jungen Verliebten angelegt wurde.“
„In der Tat bleibt ihnen der wahre Raum der Liebe. Ein heiliges, wahrhaftig Göttliches natürlich erschaffenes Nest, in dem später die Zeugung des Kindes stattfindet.
Beim wedrussischen Brauch der Trauung treten keine zwei Freunde wie heute als Trauzeugen auf, sondern alle Verwandten, das Folk von der gesamten Region, und sie hinterlassen ihre Unterschriften mit einer lebendigen Schöpfung statt einer Unterschrift auf einem Papierstück.
Die Jungen Leute machen eine gemeinsame Prüfung durch, indem sie vor allen Eingeladenen ihr Projekt des künftigen Familienlandsitzes vorstellen. Ich denk, das was sie darlegen, viel höher als heutigen Diplom- oder Doktorarbeiten fähig sind.“
Gewiss ist die Materialisierung des lebendigen Raumes, ein Eigenheim, die Wirtschaft, die Schönheit der Handlungen, mit denen sie erschaffen werden, einer wichtigsten Faktoren. Genauso wichtig ist jedoch noch ein Aspekt, schau doch mal, wer die jungen Leute traut. Keine Eltern, kein fremder Mensch vom Standesamt oder ein Pfarrer, den man meistens das erste und das letzte Mal sieht.
Ljubomila traut Radomir selbst. Sie legt ihm auf den Kopf vor allen Menschen eigenhändig den Kranz auf. Solch eine Tat können wahrhaftig Gottes Kinder vollbringen. Dieser psychologische Faktor ist bei weiterem tiefgründiger als man es sich vorstellen kann.
Ein Mensch, der seine Liebe durch andere fremde Menschen anmelden lässt, schiebt auf der tiefbewussten Eben die Verantwortung für das weitere Schicksal der Familie von sich weg. Ljubomila allerdings nimmt diese Verantwortung auf sich.
Zwischen modernen Eheleuten, die ihre Ehe anmelden, und Gott gibt es viele Bedingungen. Wie der Segen der Eltern, Anmeldung beim Standesamt, Pfarrer in der Kirche. Zwischen wedrussischen frisch Vermählten und Gott steht keiner. Folglich kann deren Ehe nur Gott segnen.
Er tut es in Wirklichkeit durch eine tatsächliche Erscheinung noch vor dem Auflegen des Kranzes. Er sendet ihnen die beiderseitige Liebe. Wedrussen wussten, wie sie sie empfangen/aufnehmen und verewigen.
Und was geschah vor der Zeugung in den Wedrussischen Zeiten des Lebens der Menschheit?
Dzhiwa
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Registriert: Mi Jun 20, 2012 9:09 pm

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