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Die Sage über den Hellen Falken

Die Sage über den Hellen Falken

Beitragvon Dzhiwa » Do Nov 14, 2013 4:44 pm

DIE SAGE ÜBER DEN HELLEN FALKEN

(Ein Wahres Geschehnis vom Leben unserer Ahnen,
mündlich überliefert über zahlreiche Generationen und
in seiner Ursprungsdarstellung schriftlich gefasst.
Ins Germanische von Julia Pankevich-Koch
und Frank Willy Ludwig übertragen)


Es war einmal, da lebte in uralten Zeiten der Bauer Lubomir Wedaslawitsch mit seiner Gattin Laduschka Mlada Sareslawna in einer Waldsiedelei. Rod1 schenkte ihnen neun Söhne und drei Töchter. Lubomir Wedaslawitsch zog die Söhne auf, lehrte sie den Fleiß und das wahrhaftige Leben. Stets war bei ihm die jüngste Tochter Nasten'ka, sie nahm alles auf, all die Worte und Lehren des Faters prägte sie sich ein. Die älteren Töchter Sabawa und Wesnjana zog die Mutter Mlada Sareslawna groß und wärmte sie mit großer Fürsorge und Zärtlichkeit. Die Kinder wurden erwachsen, und die Eltern älter. Die Söhne heirateten, für jeden fand Lubomir Wedaslawitsch eine schöne Braut von ruhmhaften uralten Stämmen. Die Söhne ließen sich mit ihren Familien in den nahe gelegenen Ländereien nieder, wirkten und schöpften für ihres Stammes Wohl.

So kam jedoch die Zeit, von Rod und Makosch2 gegeben, da war auch die Gattin des fleißigen Bauern an der Reihe – Laduschka Mlada Sareslawna ging in die Welt der Ahnen. Mit dem ganzen Folk gemeinsam wurde für sie die Kroda3 und eine ruhmhafte Trisna4 gehalten So zog Lubomir Wedaslawitsch seine Töchter alleine weiter auf. Alle drei seiner Töchter waren erstaunlich schön und in ihrer Schönheit gleich, allerdings in der Art doch anders.
Der alte emsige Bauer lebte, arbeitete und sorgte sehr für das Wohlergehen seiner Töchter. Einst wollte er eine alte Witwe auf dem Hof aufnehmen, damit sie den Haushalt führte. Aber die jüngste Tochter Nasten'ka, sagte dem Fater: „Lieber Fater, bitte nimm keine Witwe auf, ich werde im Heim und Hof alles selbst in Ordnung halten und auch so für die Wirtschaft unseres Familienstammes sorgen.“
Nasten'ka ward bereits seit frühen Jahren fleißig. Die älteren Töchter Sabawa und Wesnjana schwiegen, sie trauerten noch sehr der mütterlichen Zärtlichkeit nach.

So begann Nasten'ka an Stelle der Mutter damit, dass sie Hof und Heim in der Waldsiedelei führte. Sie war sehr geschickt, alles ging ihr flink von der Hand, und wenn sie einen Fehler machte, so lernte sie es schnell und auch das gelang ihr bestens. Der Fater sah dies alles und freute sich, dass Nasten'ka bei ihm so gut geraten, so emsig und doch sanft in ihrer Art war. Auch war Nasten'ka sehr schön – eine hübsche Maid und durch ihre Güte wurde sie noch schöner. Ihre älteren Schwestern waren auch hübsch, jedoch wollten sie von ihrer Schönheit noch mehr haben. So gaben sie sich Mühe und färbten sich das Gesicht mit Rot und Weiß, schmückten sich mit neuen Kleidern, damit sie sich in der Nachbarssiedelei auf den Maidabenden von ihrer elegantesten Seite zeigen konnten. Es kam oft vor, dass sich Sabawa und Wesnjana den ganzen lieben Tag hübsch machten und am Abend immer noch genau so gleich geblieben waren wie am Morgen. Sie merkten, dass sie so viel Rot und Weiß gebraucht, ohne dass sie auch nur ein bisschen hübscher geworden waren, und darum ärgerten sie sich darüber. Nasten'ka ward gegen Abend müde und dennoch wusste sie genau, dass das Vieh ihr Futter erhalten hatte, das gesamte Haus aufgeräumt und rein war, das Abendmahl vorbereitet wurde, Brotteig für den nächsten Tag geknetet war und sie somit dem Fater grosse Freude machte. So schaute sie die Schwerster mit ihren zärtlichen Augen an und schwieg. Die älteren Schwester selber ärgerten sich nun noch mehr. Sie glaubten, Nasten'ka war schon morgens schön und gegen Abend noch hübscher geworden – wieso und weswegen war ihnen allerdings schleierhaft.

Eines Tages musste der Fater auf den Jahrmarkt fahren. So fragte er seine Töchter:
„Was soll ich euch, liebe Töchterchen, bringen, womit kann ich euch eine Freude machen?“
Die älteste Tochter, Sabawa, sagte dem Fater: “Bringe mir, Fäterchen, ein Tuch, auf dem große mit

Gold bemalte Blüten sind.“
„Und für mich, Fäterchen“, sagte Wesnjana „bringe bitte auch ein Tuch mit Gold bemalten Blüten, und in mitten der Blüten soll es rot sein. Und bringe mir noch Stiefelchen mit weichem Schaft, mit hohen Stöckeln, damit sie schön auf dem Boden klicken und klackern.“
Die älteste Tochter nahm dies der Mittleren übel, denn schon die Mutter hatte für sie am meisten getan, und sagte so noch dem Fater: „Und mir bringe auch Stiefelchen, mit weichem Schaft, hohen Hacken, damit sie schön auf dem Boden klackern! Und noch bringe mir einen Ring mit einem Stein für den Finger - bin ich doch deine einzige älteste Tochter!“
Der Fater gelobte den Töchtern, dass er die Geschenke mitbringen würde, die ihm die beiden älteren Töchter aufgetragen hatten, und fragte seine Jüngste: „Und du, was schweigst du, Nasten'ka!“
„Was brauche ich denn schon, Fäterchen? Ich bleibe auf dem Hofe, wofür also schöne Kleider?“
„Ist das richtig, Nasten'ka, wie kann ich dich ohne Geschenk lassen? Dann bringe ich dir doch etwas mit.“
„Ach Fäterchen spar dir das“, erwiderte Nasten'ka, „Dann bringe mir, liebes Fäterchen, die Feder von dem Hellen Falken vom Sternbild Finist5, wenn es sie auf dem Jahrmarkt geben sollte.“

So fuhr der Fater auf den Jahrmarkt, da fand er für die älteren Töchter Geschenke, die sie ihm aufgetragen hatten, jedoch die Feder des Hellen Falken vom Sternbild Finist fand er nirgends. Alle Kaufleute, die es auf dem Jahrmarkt gab, hatte er danach befragt.
„So eine Ware“, erwiderten die Handelsleute, „dafür gibt es keine Anfrage.“

Dem Fater tat seine jüngste Tochter, wo sie so emsig und klug war, leid, und er kam ohne die Feder des Hellen Falken vom Sternbild Finist wieder heim.
Und Nasten'ka nahm es mit leichtem Herzen.
„Das ist doch in Ordnung“, sagte Nasten'ka, „ein anderes Mal fährst du, und dann findet sie sich, meine Feder.“
Die Zeit floss eine Weile dahin, und der Fater musste wieder auf den Jahrmarkt fahren. So fragte er seine Töchter, was er ihnen mitbringen sollte: Er war ein so gutherziger Mann.

So sagte Sabawa: „Das vorige Mal hast du mir, Fäterchen, Stiefelchen mitgebracht. So soll jetzt der Schmiedemeister die Absätze an jenen Stiefelchen mit Silber beschlagen.“
Wesnjana hörte die ältere Schwester reden und sagte dann: „Und für mich, Fäterchen, auch das gleiche, die Schuhe klirren und klingen kaum, doch sollen sie klingen, und damit die Nägelchen vom Beschlag feste dran bleiben, bringe mir noch das silberne Hämmerchen, dann kann ich lockere Nägelchen selber festschlagen.“
„Und für dich, Nasten'ka, was soll ich dir mitbringen?“
„Schau doch, Fäterchen, ob es die Feder des Hellen Falken vom Sternbild Finist gibt.“

So fuhr Lubomir Wedaslawitsch auf den Markt. Seine Angelegenheiten hatte er rasch erledigt und für die älteren Töchter die Geschenke besorgt. Nur für die Jüngste suchte er die Feder so lange, bis schon die Nacht anbrach, doch weder gab es da diese Feder für den Kaufe, noch für den Tausche.
So kehrte der Fater erneut ohne Geschenk für die jüngste Tochter heim. Er bedauerte Nasten'ka sehr, Nasten'ka lächelte ihn aber an: Sie war schon froh darüber, dass sie ihren Fater wieder sah.

Die Zeit ging, der Fater fuhr wieder auf den Markt.

„Was soll ich euch, liebe Töchterchen, mitbringen?“
Die Älteste dachte ein wenig nach, hatte jedoch keinen Einfall, was sie noch brauchte.
„Bringe mir Etwas, Fäterchen.“

Die Mittlere sagte: „Und mir, Fäterchen, bringe mir auch Etwas. Und dem Etwas füge noch was bei.“
„Und für dich, Nasten'ka?“
„Für mich, Fäterchen, bringe nur die Feder des Hellen Falken vom Sternbild Finist mit.“


So fuhr Lubomir Wedaslawitsch auf den Markt. Seine Angelegenheiten hatte er erledigt, den ältesten Töchtern hatte er die Geschenke besorgt, doch für die Jüngste war die Suche nach jener Falkenfeder auf dem Markte wieder ohne jeglichen Erfolg...
So machte sich der Fater wieder auf den Weg in die Waldsiedelei, da sah er auf einmal einen alten Wolchwen6 mit einem Eichenstock gehen. Er war noch älter als der Bauer selbst, ganz greise schon.
„Heil und Wohl, Großfäterchen!“
„Heil und Wohl, mein Lieber. Was bereitet dir solch einen Kummer?“
„Na, wie soll es denn sonst sein, Großfäterchen! Die Tochter hatte mich gebeten, dass ich ihr eine Feder des Hellen Falken vom Sternbild Finist bringe. Ich suchte diese Feder, es gibt sie allerdings nirgends. Und die Tochter ist ja meine jüngste – meine Lieblingstochter, so tut es mir am meisten weh.“
Der alte Wolchwe dachte eine Weile nach, dann sagte er: „Nun dann soll es so sein!“
Er schnürte seinen Schultersack auf und holte ein Schächtelchen hervor.
„Stecke das Schächtelchen hinein“, sagte er „hüte es, darin ist die Feder des Hellen Falken vom Sternbild Finist. Und präge dir meine Worte ein: Ich habe einen Sohn. Dir tut deine Tochter leid und mir mein Sohn. Mein Sohn soll jetzt heiraten, denn seine Zeit ist schon gekommen. Darf man ihn zwingen, wenn er anderer Meinung ist? Er sagte mir: Wenn jemand bei dir diese Feder erbittet, so gib sie dem – es bittet meine mir vom Swarog7 gegebene Braut.“
So sagte der alte Wolchwe seine Worte und auf einmal war er weg, wie vom Erdboden geschluckt, keiner weiß wohin: War er überhaupt da oder war es nur eine Einbildung?
Der Fater von Nasten'ka hielt jedoch das Schächtelchen mit der Feder in der Hand. Er schaute sich die Feder an, es war eine einfache graue Feder. Und doch konnte man sie nirgends finden. Der Fater besann sich darauf, was ihm der alte Wolchwe sagte, und dachte: „So hatte wohl Makosch für meine Nasten'ka solch ein Schicksal geflochten, dass es ihr Urteil ist, dass sie ohne Kennenlernen und Erblicken jemanden heiraten soll, ohne dass sie vorher wissen kann – wen denn überhaupt.“
Der Fater kam heim in die Waldsiedelei, schenkte den älteren Töchtern die Geschenke und der Jüngsten, Nasten'ka, gab er das Schächtelchen mit der Feder.
Die älteren Schwester kleideten sich und lachten über die Jüngere.
„Du, Nasten'ka, steck dir doch deine Spatzenfeder in die Haare und bewundere dich im Spiegel.“

Nasten'ka schwieg indes, sobald sich aber alle im Dunkeln schlafen gelegt hatten, legte sie vor sich die einfache graue Feder des Hellen Falken vom Sternbild Finist hin und schaute auf sie. Danach nahm Nasten'ka die Feder in die Hand, drückte es an sich, streichelte und ließ sie dabei aus Versehen auf den Boden fallen.
Sogleich schlug jemand ans Fenster. Das Fenster öffnete sich und in die Kammer flog der Helle Falke. Er berührte den Boden und wandelte sich in einen wunderschönen Jüngling. Nasten'ka schloss das Fenster und redete mit dem Jüngling Worte der Herzen. Gen Morgen öffnete Nasten'ka das Fenster, der Jüngling beugte sich bis an den Grund und wurde sogleich wieder der Helle Falke, und der Falke hinterließ die einfache graue Feder und flog in den blauen Himmel empor.
Drei Abende lang empfing Nasten'ka den Falken bei sich. Tagsüber flog er im Himmel, über

Feldern, Wäldern, Bergen und Meere, und neigte sich der Tag, da war er bei Nasten'ka und wandelte sich in einen schönen Jüngling.

Am vierten Abend hörten die älteren Schwestern die leise Unterhaltung von Nasten'ka, sie nahmen auch die fremde Stimme des Jünglings wahr und fragten morgens die jüngste Schwester: “Mit wem redest du denn nachts, liebes Schwesterchen?“
„Ich rede mit mir selbst “, erwiderte Nasten'ka, „Bin doch ohne Freundinnen, tagsüber bin ich bei der Arbeit, da ist wenig Zeit für Gerede, so tue ich es nachts mit mir selbst.“
Die älteren Schwestern hörten, was Nasten'ka sagte, schenkten ihr jedoch kaum Glauben. Dem Fater sagten sie: “Fäterchen, unsere Nasten'ka hat ja einen Bräutigam, sie sieht sich mit ihm nachts und redet mit ihm. Wir selbst haben es gehört.“
Und Fäterchen erwiderte darauf: „Sollt ihr lauschen? Nasten'ka kann doch einen Bräutigam haben! Was ist denn Schlimmes dabei, sie ist eine schöne Maid und ist jetzt auch in ihre Zeit gekommen; So sei der Wille von Dazhd'bog8, dann kommt auch eure Zeit.“
„Aber Nastja hat doch seinen Bräutigam vorzeitig erkannt“, sagte Sabawa, „Ich wäre als erste an der Reihe mit dem Heiraten.“
„Da redest du wahr“, urteilte Fäterchen, „Das Schicksal jedoch geht weniger nach dem Zählen, sondern nach dem Willen des Rod und dem Wunsch der Makosch. Manche Braut hockt bis ins hohe Alter als Jungfrau da, und andere sind bereits seit jungen Jahren allen Menschen lieb.“
So redete der Fater mit den älteren Töchtern, bei sich dachte er allerdings: 'Oder wird nun das Wort jenes alten Wolchwen wahr, welcher mir die Feder geschenkt hatte! Es ist ja sicher gut, der alte Wolchwe ist mit der Zeit weise geworden und wird von allen himmlischen Göttern geliebt, so wird sein Sohn auch ein guter Mensch sein, der Bräutigam von Nasten'ka!“
Und die älteren Töchter hatten ihren eigenen Wunsch im Sinne, so fassten sie den Entschluss, dass sie den Nachtgast fort treiben, bloß damit sie selber vor Nastja heiraten können. Kaum ging der Tag auf, da klappten Nasten'kas Schwester die Messerklingen auf und steckten die scharfen Klingen in den Rahmen des Fensters. Und neben den Messerklingen steckten sie noch spitze Nadeln und feurige Pfeile hinein. In dieser Zeit war Nasten'ka im Stall und arbeitete bei den Kühen. So konnte sie die Missetat weder sehen, noch erahnen.
Als es dunkel wurde, flog der Helle Falke an Nasten'kas Fenster. Kaum das Fenster erreicht, schlug er gegen scharfe Messerklingen, spitze Nadeln und feurige Pfeile, immer und immer wieder flog er an, bis seine Brust schon blutete. Nasten'ka ward so müde von der Tagesarbeit, dass sie beim Warten auf ihren Hellen Falken einnickte und tief schlief, so dass sie das Schlagen ihres Falken überhörte.
Dann kündigte der Helle Falke laut an:
„Leb wohl, meine schöne Maid! Wenn du mich brauchst, so findest du mich, auch wenn ich sehr weit weg sein werde! Doch ehe du wieder bei mir sein kannst, musst du über drei mal neun Erden9, ins dreizehnte Sternbild10 gehen. Dabei trägst du sieben Paar eiserne Stiefel kaputt und isst sieben eiserne Brote auf.“
Nasten'ka hörte im Schlummern diese Worte des Hellen Falken, schlief doch wie im Zauber weiter. Am Morgen wurde sie wach, und getrübt war ihr Herz. Sie erblickte das Fenster und sah das in der Sonne getrocknete Blut des Hellen Falken. Nasten'ka weinte bitterlich, öffnete das Fenster und schmiegte ihr Gesicht an die Stelle, wo das Blut des Hellen Falken vom Sternbild Finist war. Die Tränen spülten das Blut des Falken weg, und es schien, als ob Nasten'ka selbst mit dem Blut des Geliebten gewaschen wurde und dadurch noch schöner erstrahlte.
Nasten'ka suchte den Fater auf und sagte ihm: „Fäterchen, sei so lieb, bitte lasse mich auf einen


weiten Weg gehen, drei mal neun ferne Weiten11. Wenn Dazhd'bog es will, so werd' ich am Leben bleiben. Dann werden wir uns wiedersehen und wenn ich sterbe, so war es dann in meinem Schicksal geschrieben.“
Dem Fater tat es leid, dass die jüngste und geliebte Tochter von ihm weg, wer weiss wohin, gehen wollte. Doch durfte er sie zwingen, dass sie in der Waldsiedelei bliebe? Laut Gesetz des Swarog's ist es anders. Der Fater wusste auch, dass das Herz einer Maid, was voller Liebe ist, stärker als alle Macht des Faters und der Mutter ist, es gehorcht nur den Göttinen Lada12 und Makosch. Er sagte der geliebten Tochter Aufwiedersehen, segnete sie für die weite Reise und liess sie mit dem Schutz der lichten Götter gehen.
Ein Meisterschmied fertigte für Nasten'ka sieben Paar eiserne Stiefel an, und Nasten'ka nahm noch sieben eiserne Brote mit, neigte sich vor dem Fäterchen und ihren älteren Schwestern, besuchte ihre geliebten Brüder und die Gedenkstätte ihrer Mutter, brachte Gaben dem Rod und der Lada. Dann trat sie ihre weite Reise an, auf der Suche nach ihrem Geliebten den Hellen Falken.
So ging Nasten'ka ihren Weg, sie ging mehr als einen Tag, mehr als zwei und mehr als drei, sie ging eine ganze lange Weile. Sie ging durch das reine Feld, durch den Taiga Wald, sie ging auch durch die hohen Berge. In den Feldern sangen Vögel Lieder für sie, Taiga Wälder begrüßten sie, von den hohen Bergen bewunderte sie die Welt. So erreichte sie ein erstaunliches Tal, wo Handelswaitmanas13 standen und von diesem Tal in den grossen Himmel flogen. So bat Nasten'ka gütige Menschen, dass sie sie auf eine Handelswaitmana mitnehmen und so flog sie von ihrer Heimaterde weg. Ihre weite Reise in die sieben und zwanzig ferne Weiten14 begann.
Sehr lange schoss die Handelswaitmana mitten durch die Himmelssterne, keiner weiß, wie viel Zeit vorbei ging, hatte Nasten'ka erst ein Paar Eisenstiefel kaputt getragen und ein eisernes Brot aufgegessen. Hier ging auch schon der Flug der Handelswaitmana vorbei. Nasten'kas Reise ging jedoch noch viel viel weiter. So atmete Nasten'ka erschöpft durch, und nachdem die Himmelsfrachter auf einer merkwürdigen Erde gelandet war, ging sie auf einen Waldweg weiter, immer der schlafen gehenden blauen Sonne hinterher. Sie ging lange, die Nacht brach an, auf dem Himmelszelt über der Erde leuchteten schon zwei Monde, und da sah Nasten'ka eine Holzhütte im Wald.
So dachte Nasten'ka bei sich: „Ich gehe dahin und frage die Menschen in der Hütte, ob sie meinen Hellen Falken vom Sternbild Finist gesehen hatten!“
Nasten'ka klopfte an die Hütte an. In jener Hütte lebte eine alte Frau. Ob sie gütig oder bös war, war fraglich. Eine alte Frau öffnete die Tür der Diele und sah die Maid vor sich stehen.
„Großmütterchen, lass mich bei dir nächtigen!“
„Komm herein, Liebes, sei Gast bei mir. Wie heißt du denn, Liebes?“
„Nasten'ka. Und wer seid Ihr, Großmütterchen?“
„Ich bin die Göttin Karna15. Ist dein Weg noch weit, junge Maid?“
„Wie soll ich es wissen, Großmütterchen, ob meine Reise weit oder kurz ist? Ich suche den Hellen Falken vom Sternbild Finist. Hast du vielleicht etwas von ihm gehört, Großmütterchen Karna?“
„Und ob ich von ihm gehört habe! Ich bin alt und lebe schon lange auf der Welt des Swarog, ich habe über alle, in allen Welten gehört! Es ist allerdings sehr weit bis ins Sternbild Finist, Liebes, noch anderthalb Runden von fernen Weiten16.“
Am nächsten Morgen weckte die Göttin Karna Nasten'ka und sagte ihr: „Gehe jetzt, Liebes, meine

Schwester, die Göttin Zhelja17 wird dir helfen. Sie ist älter als ich und weiß auch mehr. Vielleicht lehrt sie dich Güte und sagt, wo dein Heller Falke lebt. Und damit du mich, alte Frau, in Erinnerung behältst, nimm hier den silbernen Boden und die goldene Spindel, willst du Wolle spinnen, so zieht sie einen goldenen Faden. Hüte mein Geschenk, Nasten'ka, solange es dir wert ist, und wird es dir weniger wert sein, so schenke es selber weiter.“
Nasten'ka nahm das Geschenk, bewunderte es und sagte der Gastgeberin Karna: „Ich danke dir, Großmütterchen Göttin. Doch wo soll ich hin gehen, in welche Richtung?“
„Ich gebe dir ein Knäuel, es rollt von allein und wird dir den Weg weisen. Wo das Knäuel hin rollt, so schreitest du auch hinterher. Und willst du ruhen, setz' dich aufs Gras, so bleibt auch das Knäuel stehen, es wird auf dich warten.“

Nasten'ka neigte sich tief vor der alten Göttin Karna und ging dem Knäuel hinterher. Ob weit oder nah sie ging, den Weg zählte Nasten'ka nimmer mehr. Ohne dass sie sich selbst schonte, ging sie immer weiter. So sah sie dunkle furchtbare Wälder stehen, in den Feldern brotloses stacheliges Gras wachsen, auf kahle steinige Berge traf sie und die Vögel schwiegen über diesem Flecken Erde. Nasten'ka ging indes weiter, eilte immer schneller voran. Schau mal, da ward schon wieder ein wunderbares Tal, und auf ihm standen goldene Waitmanas, eine Handelskarawane. So bat Nasten'ka gütige Menschen, dass sie sie mit auf die goldenen Sternenfrachter mit nehmen würden. Sie zog das zweite Paar eiserne Stiefel an, nahm das wegweisende Knäuel auf und flog von der merkwürdigen Erde weg, wo die Göttin Karna lebte.
Lange schossen die goldenen Waitmana's mitten durch die Himmelssterne, wie lange weiß keiner. Bloß hatte Nasten'ka noch ein Paar eiserne Stiefel kaputt getragen und noch ein eisernes Brot aufgegessen. Und hier ward auch schon die Reise mit den goldenen Waitmana's vorbei. Doch Nasten'kas Reise ging noch lange weiter.
So landete die goldene Waitmana auf einer dunklen düsteren Erde. Die kressrote Sonne18 schwand hinter den Bergen und gab wenig Wärme und Licht. Im Himmel gab es gar keine Monde über dieser Erde. So sah Nasten'ka in der Nähe den schwarzen Wald, die kalte Nacht brach an, und am Waldrand wurde in einer einsamen Holzhütte im Fenster ein Licht angezündet.
Nasten'ka ließ das wegweisende Knäuel von den Händen auf die düstere Erde fallen, und es rollte an jene Hütte. Nasten'ka ging hinterher und klopfte ans Fenster: „Gütige Herren, lassen Sie mich nächtigen!“
Im Eingang der Hütte erschien eine alte Frau, noch greiser als jene, die Nasten'ka davor empfangen hatte.
„Wohin des Weges, hübsche Maid? Wen suchst du in der Welt?“
„Ich suche, Großmütterchen, den Hellen Falken vom Sternbild Finist. Ich war bei der alten Göttin Karna im Wald mit der blauen Sonne, nächtigte eine Nacht bei ihr, sie hatte über den Hellen Falken gehört, doch muss er auf einer anderen Erde, als ihrer sein. Vielleicht, sagte sie, weiß ihn ihre Schwester, die Göttin Zhelja.“
Die alte Frau ließ Nasten'ka in die Hütte, gab ihr Essen und Trinken und legte sie Schlafen. Und morgens weckte sie ihren Gast und sagte: „Horch mal, liebe Maid, was ich dir sage. Man nennt mich Göttin Zhelja. Weit musst du deinen Hellen Falken suchen, bis ins Sternbild Finist ist es von uns noch zwei mal neun ferne Weiten und noch die Hälfte19. Ich hatte von ihm gewusst, jedoch sah ich ihn auf einer anderen als dieser Erde. Und jetzt gehe, unsere ältere Schwester die Göttin Sretscha20 muss über ihn etwas wissen. Sie ist die jüngste Tochter der Gottesmutter Makosch, sie webt Menschen das glückliche Los. Und damit du mich in Erinnerung behältst, nimm hier ein kleines Geschenk von mir mit. In Freude wird es dir gutes Gedenken sein und in der Not bringt es

dir Hilfe.“
Und die Göttin Zhelja gab ihrer Besucherin als Geschenk den silbernen Teller und das goldene Ei.
Nasten'ka dankte der alten Göttin und Gastgeberin für die Aufmerksamkeit und Hilfe bei ihren mitgebrachten Sorgen, neigte sich vor ihr und ging dem wegweisenden Knäuel nach.
Nasten'ka ging weiter, und die Natur wurde ihr gar befremdlich.
Sie schaute und sah nur den schwarzen Wald auf jener Erde wachsen, ohne das reine Feld. Auch die Bäume wurden immer höher, je weiter das Knäuel rollte, und deren Stämme wuchsen ineinander. Es wurde immer finsterer: Die kressrote Sonne sah man im Himmel kaum noch, nur das schwache Leuchten des feuerroten Horizontes blieb. Der schwarze Wald blieb hinter ihr, und Nasten'ka sah eine große Heide, ganz mit schwarzem Stein bedeckt und darauf waren feurige Waitmanas.
So bat Nasten'ka gütige Menschen, dass sie sie mit auf die feurige Waitmana mitnehmen. Sie zog das dritte Paar eisernen Stiefel an, nahm den weg weisenden Knäuel mit und flog von der düsteren Erde weg, wo die gütige Göttin Zhelja lebte.
Sehr lange schoss die feurige Waitmana mitten durch die Himmelssterne auf dem Wege des Perun21. Wie viel Zeit vorbei ging, weiß wohl keiner, da hatte Nasten'ka das dritte Paar eisernen Stiefel kaputt getragen und das dritte eiserne Brot aufgegessen, und da ward schon auch der Weg für die feurige Waitmana am Ziel. Nasten'kas Reise ging jedoch noch lange weiter.
Die feurige Waitmana landete auf einer schönen fein geschmückten Erde. Die goldene Sonne senkte sich hinters Meer, gab viel Licht und Wärme, und vier Monde erschienen am Himmelszelt. Sie tauchten die schöne Erde in ein wunderbares Licht. Nasten'ka sah am Rande des türkisfarbenen Meeres den goldblättrigen Wald und neben jenem Walde einen einsamen Palast.
Nasten'ka ließ ihr Knäuel aus der Hand auf der fein geschmückten Erde, und es rollte auf jenen Palast. Nasten'ka ging dorthin und klopfte an das Fenster:
'Gütige Herren, lassen Sie mich nächtigen!'
Am Palasteingang trat eine alte Frau hervor, gütig im Antlitz, wohl noch viel älter als Göttin Zhelja, die vorher Nasten'ka bewirtet hatte.
„Wohin des Weges, schöne Maid? Wen suchst du auf der Swarog seiner Welt?“
„Gütiges Großmütterchen, ich suche den Hellen Falken vom Sternbild Finist. Ich war bei der alten Göttin Zhelja im Wald auf der dunklen düsteren Erde unter der kressroten Sonne, nächtigte ein Mal bei ihr. Sie hörte zwar über den Hellen Falken, jedoch weiß sie ihn nicht auf ihrer Erde. Sie sagte, vielleicht weiß es ihre ältere Schwester, Göttin Sretscha. Doch ich habe keine Ahnung, wo ich sie suchen soll.“
Die alte Frau ließ Nasten'ka in die Stube, gab ihr Essen und Trinken, ließ sie in der Banja22 reine schwitzen und legte sie schlafen.
Am Morgen weckte sie ihre Besucherin und sagte ihr: „Horch mal, liebe Maid, was ich dir sage. Ich bin es, die Göttin Sretscha. Sehr weit musst du deinen Hellen Falken suchen, von uns bis zum Sternbild Finist sind es mindestens zwei mal neun ferne Weiten23 und noch ein Drittel. Ich wusste über ihn, jedoch sah ich ihn auf einer anderen Erde. Und jetzt gehe, meine ältere Schwester, Göttin Nesretscha24, sie webt für Menschen das glücklose Schicksal und sie weiß wohl über dein Pech. Und damit du mich in Erinnerung behältst, nimm ein kleines Geschenk von mir mit. In Freude wird es dir ein Gedenken sein und in der Not leistet es dir Hilfe.“ Die Göttin Sretscha gab ihrer Besucherin die silberne Mühle mit Malachitmalsteinen.
Nasten'ka dankte der gütigen Göttin, auch für die Anteilnahme an ihren mitgebrachten Sorgen, neigte sich vor ihr und ging hinter dem Wegweiserknäuel her, bis in ein Tal, wo mehrere Waitmanas standen. Sie sah eine silberne Waitmana, zog das vierte Paar eiserne Stiefel an und bat gütige Menschen sie, dass sie sie mitnehmen.
Sehr lange sauste die silberne Waitmana mitten durch die Himmelssterne. Keiner weiß, wie viel

Zeit vorbei floss, jedoch hatte Nasten'ka auch das vierte Paar eiserne Stiefel kaputt getragen und das vierte eiserne Brot aufgegessen. Und hier war auch der Weg der silbernen Waitmana geschafft, und doch, die Reise von Nasten'ka ging noch weiter. Nasten'ka seufzte dann schwer, und sobald die Waitmana auf einer merkwürdigen, leeren und heißen Erde landete, ging sie einen geschwungenen Weg, welcher zwischen die Berge führte. Lange ging sie, die Nacht brach ein, im Himmel über der Erde leuchteten hell drei Monde auf. So sah Nasten'ka am Wege hinter einem Steinzaun mit dem geschmiedeten Tor einen Steinpalast stehen.
Nasten'ka dachte bei sich: „So gehe ich nun in den steinernen Palast, bitte gütige Menschen für einen Nachtlager, und morgens werde ich die Hausherren fragen, ob sie vielleicht meinen Hellen Falken vom Sternbild Finist gesehen haben!“
Nasten'ka klopfte ans geschmiedete Tor, daraufhin kam eine uralte Frau vom steinernen Palast. Die alte Frau öffnete das geschmiedete Tor und sah eine schöne Maid vor sich stehen.
„Gütiges Großmütterchen, lass mich bei dir nächtigen!“
„Komm herein, Liebes, in den Palast, sei mein Gast.“
In einer geräumigen Stube gab die uralte Frau Nasten'ka Essen und Trinken und legte sie auf eine seltsame Liege schlafen. Morgens weckte sie ihren Gast und sagte ihr: „Wie heißt du denn, schöne Maid?“
„Nasten'ka. Und wer seid ihr, Großmütterchen und was bringt Sie dahin, dass Sie in dieser Einöde leben?“
„Ich bin die Göttin Nesretscha, meine Mutter Makosch hatte mir aufgetragen, dass ich das Schicksal ohne Glück, für all jene webe, die die Gesetze von Rod und Swarog missachten. Ist deine Reise noch weit, Liebes? “
„Ob es nah oder weit ist, was weiss ich, Großmütterchen. Ich suche den Hellen Falken von Sternbild Finist. Das dunkle Los hat uns getrennt. Vielleicht hast du etwas über ihn gehört, Großmütterchen Nesretscha?“
„Und ob ich gehört habe! Ich bin alt und lebe schon lange auf Swarog's Welt, ich weiß über die Schicksale von vielen in den Welten des Swarog! Du hast es noch weit bis ins Sternbild Finist, Liebes, noch eine Runde von fernen Weiten und mit einem Viertel25. Doch merke es dir, Liebes, es ist etwas anderes als das dunkle Los, das dich und deinen Liebsten getrennt hat, es ist bloß Neid von Menschen. Und wenn du an deinen Plan festhältst, und deine Liebe stark bleibt, so wird alles in deinem Leben gut gehen und das Glück wird an deiner Seite bleiben! Und jetzt gehe, Liebes, meine Verwandte, die Göttin Tara26 wird dir weiter helfen. Sie ist kaum älter als ich, weiß jedoch über das Gute Leben mehr. Vielleicht lehrt sie dich Güte und sagt, wo dein Heller Falke lebt. Und damit du mich, altes Weib, in Erinnerung behältst, nimm hier mal dieses silberne Butterdöschen mit dem goldenen Deckelchen. Darin liegt Butter und das Döschen bleibt immer mit ihr gefüllt. Und wenn du ein Mahl nimmst, gebe die Butter ins Essen hinein, so findest du selten solch Essen, was so vorzüglich schmeckt. Hüte mein Geschenk, Nasten'ka, so lange es dir wert ist, und wenn es dir weniger mehr wert ist, so schenke es selbst weiter.“
Nasten'ka nahm das Geschenk, dankte der gütigen Göttin Nesretscha, sagte ihr Aufwiedersehen und ging vom Hofe weg dem Wegzeigerknäuel hinterher. Das Knäuel führte sie über die Berge in ein Tal, wo nur eine große Waitmara27 stand. Sie sah die große Waitmara stehen, zog das fünfte Paar Stiefel an und bat gütige Menschen, das sie sie mit auf die Erde nehmen, wo die Göttin Tara lebte.
So rasch flog die große Waitmara durch die Himmelssterne, dass das Sternenlicht wie Streifen wurde und mit einem wunderschönen Regenbogenschweif glitzerte. Wie viel Zeit vorbei ging, weiß keiner, Nasten'ka hatte jedoch das fünfte Paar eiserne Stiefel kaputt getragen und das fünfte eiserne Brot aufgegessen. Hier war auch schon die Reise von der großen Waitmara auf der Erde Tara vorbei, Nasten'kas Reise jedoch ging immer noch weiter.

Die große Waitmara landete auf einer wundersamen und erstaunlichen Erde. Die goldene Sonne spielte mit ihren Strahlen über den grünen Wäldern, gab Lebewesen aller Art reichlich Wärme und Licht. Nasten'ka sah neben den grünen Wäldern eine wunderschöne Stadt stehen und in deren Mitte einen Palast aus weißem Stein.
So ließ Nasten'ka ihr Knäuel von der Hand auf die erstaunliche Erde fallen, und es rollte auf direktem Wege in jene Stadt. Nasten'ka ging hinterher durch die Stadt, am Markt blieb das Knäuel ohne Regung liegen. Sie hob es hoch, und es kamen gütige und fröhliche Menschen, alle feierlich gekleidet. Nasten'ka fragte sie: „Sagt mir, ihr gütigen Menschen, wo soll ich weiter hin gehen, wo finde ich die helle Göttin Tara?“
Die gütigen Menschen nahmen Nasten'ka an ihren weißen Händen und führten sie bis an den Palast ganz in weißem Stein, ließen sie am Eingang stehen und gingen wieder ihren Tätigkeiten nach.
Nasten'ka klopfte an der mit Schnitzereien geschmückten Eichentür. Die Eichentür ging auf und da trat eine schöne Maid ans Licht, die Augen leuchteten blau, und der helle Zopf langte bis an den Boden. Sie schaute Nasten'ka sanft an und fragte: „Wer bist du, schöne Maid und welches Anliegen hast du?“.
„Schwesterchen, ich suche die helle Göttin Tara wegen einer wahren Herzensangelegenheit. Und geschickt hatte mich ihre Schwester, die Göttin Nesretscha.“
Die schöne Maid nahm Nasten'ka an die Hand, führte sie in den Palast von weißem Stein, gab ihr Essen und Trinken, brachte sie danach ins Schlafgemach und sagte: „Ich bin Göttin Tara, Schwesterchen. Du schaust, wie jung mein Antlitz ist, obwohl ich schon mehrere hundert Lebensrunden28 auf Swarog's Welt lebe? Schlafe jetzt nach der weiten Reise und ruhe sanft und morgen reden wir über deine Herzensangelegenheit“.
Nasten'ka legte sich auf das Federbett und schlief gemütlich ein, ein Schlaf, so angenehm wie selten vorher. Am Morgen weckte die Göttin Tara Nasten'ka, gab ihr Essen und Trinken, führte sie in einen wunderbaren Garten, setzte sie auf eine fein geschnitzte Bank und fragte sie:
„Erzähle, liebes Schwesterchen, was für ein Herzensanliegen bedrückt dich?“
Nasten'ka erzählte der Göttin Tara alles, wie es war, ohne dass sie etwas geheim hielt.
„Horch, liebes Schwesterchen, ich habe von deinem Hellen Falken gehört! Ich lebe doch schon lange auf Swarog's Welt, ich weiß über vieles in den nahen Welten Bescheid! Bis zum Sternbild Finist hast du noch eine weite Reise, es ist noch eine Runde der fernen Weiten29. Aber du solltest dich beeilen, Schwesterchen, er hat sich von seinen Wunden erholt, ist jedoch einer schwarzäugigen Maid mit feuerroten Haaren ins Auge gefallen, die von einer fremden Erde, von einer fernen Welt gekommen ist. Reise jetzt weiter, bei der Göttin Djiwa30, der Gattin meines Bruders, des Gottes Tarch Dazhd'bog wirst du Rat finden. Sie ist älter als ich und weiß auch mehr. Vielleicht öffnet sie dir den kürzesten Weg ins Sternbild Finist, wo jetzt dein Heller Falke lebt. Und damit du mich in Erinnerung behältst, Schwesterchen, nimm hier mit Gold bemaltes Zitherlein mit silbernen Saiten. Spielst du diese Zither, so geht die ganze Welt tanzen. Hüte mein Geschenk, Nasten'ka, so lange es dir wert ist, und wird es dir weniger wert, so schenke es selbst. Und jetzt geh, meine Feuerkutsche wartet auf dich, sie bringt dich rasch zu meinem Bruder, und da findest du auch Djiwa.“
Nasten'ka nahm das Geschenk – mit Gold bemaltes Zitherlein, neigte sich vor der ewig jungen Göttin Tara, dankte ihr und stieg in die Feuerkutsche. Sobald sie die Feuerkutsche erreicht hatte, zog sie das sechste Paar eiserner Stiefel und flog in der Kutsche von der wundersamen Erde weg.
So schnell flog die Feuerkutsche durch die Himmelssterne, dass keine Sterne mehr sichtbar waren, nur der mehrfarbige Regenbogen schimmerte in allen Lichtern. Wie viel Zeit geflossen war, ist offen, doch Nasten'ka hatte das sechste Paar eiserner Stiefel kaputt getragen und das sechste eiserne Brot aufgegessen, da war auch schon die Reise der Feuerkutsche vorbei, das Ziel von Nasten'kas Reise war schon ganz nah.

Die Feuerkutsche landete, Nasten'ka kam hervor und konnte vor Staunen kaum noch klar denken. Es schien ihr, als ob sie wieder auf der Heimaterde wäre, als ob die ganze weite Reise nur ein Traum war.
Genau so spielte die helle Sonne über Wäldern und Feldern mit ihren Strahlen, genau so flogen die Vögel im Himmel. Nasten'ka schaute und sah zwischen dem Feld und dem Wald eine wunderbare Holzhütte stehen. Von dieser Hütte kam solch eine wunderschöne Frau, dass man das kaum beschreiben kann. Nasten'ka ging hin und sagte: „Heil und Wohl dir, gütige Herrin, sag mir bitte, wo finde ich die Göttin Djiwa?“
Die Schöne von der Hütte antwortete Nasten'ka: „Heil und Wohl dir auch, liebe Maid. Ich bin Göttin Djiwa, welches Anliegen hast du?“
Nasten'ka erzählte der Göttin Djiwa alles, wie es war, ohne dass sie etwas geheim hielt. Diese sagte ihr dann: „Komm in die Hütte, liebe Maid, ruhe dich von der weiten Reise, sobald mein Gatte Dazhd'bog Tarch Perunowitsch wieder heim gekehrt ist, bringt er dich mit seiner Kutsche ins Sternbild Finist, auf die Erde, wo jetzt dein Heller Falke lebt.“
Nasten'ka betrat die wunderbare Hütte, setzte sich in der Stube auf eine fein geschnitzte Bank und schlummerte sofort ein.
Und wie sie aufwachte, sah sich Nasten'ka im Raum. Sie sah sich auf einem Federbett auf weichen Kissen liegen, hinter dem Seidenvorhang führte jemand ein leises Gespräch. Nasten'ka horchte hinein und hörte eine Männerstimme: „Der Helle Falke hat heute geheiratet, er lebt mit einer fremdirdischen Herrin. Sie bezauberte ihn mit ihren Hexereien, die schwarzäugige Maid mit feuerroten Haaren, die ins Sternbild Finist von einer fremden Erde einer fernen Welt gekommen war. Es wird für Nasten'ka schwer sein, dass sie ihren Liebsten wiedergewinnen kann, doch hat sie ein Herz voller Liebe, und dem Herzen gesellt sich auch noch Klugheit, und mit der Schläue wird das Schwere auch leichter.“
Nasten'ka ging in den Raum des Gastgebers und sagte: „Ich danke Euch für Eure Fürsorge, helft mir bitte, ihr gütigen Gastgeber, dass ich bis ans Sternbild Finist gelange, und dort, wenn es der Wille von Rod und Makosch sein sollte, werde ich meinen Hellen Falken wiedergewinnen.“ Sie neigte sich tief vor ihnen.
Die Göttin Djiwa sagte: „Nachher sollst du mir danken. Und hier ist ein kleines Geschenk – nimm von mir den goldenen Stickrahmen und die Nadel. Halte den Rahmen fest und die Nadel wird ganz alleine sticken. Gehe jetzt, liebe Maid, mit Tarch Perunowitsch, er bringt dich ins Sternbild Finist, es ist nur noch eine halbe Runde von fernen Weiten31 übrig geblieben. Und was du tun musst, wirst du später selbst erfahren.“
Nasten'ka zog das letzte Paar eiserner Stiefel an und flog mit der Himmelskutsche von der wunderbaren Erde weg.
Auch wenn die Himmelskutsche schnell durch die Sterne flog, so kam es Nasten'ka vor, als ob diese Reise die längste wäre. Wie viel Zeit geflossen war, weiss wohl keiner, nun hatte Nasten'ka das letzte Paar eiserner Stiefel runter getragen und das letzte eiserne Brot aufgegessen, hier war auch die Reise der Himmelskutsche vorbei.
Die Feuerkutsche landete, Dazhd'bog Tarch Perunowitsch zeigte Nasten'ka die Richtung, wohin sie gehen sollte und sagte: „Nimm von mir ein kleines Geschenk, schöne Maid, das mehrfarbige Bändchen. Wird dir das Herz ganz schwer, so flechte dieses Bändchen in deinen hellen Zopf ein, und was danach geschieht, wirst du schon sehen.“
Nasten'ka ging wie sie war, barfüssig. Sie dachte bei sich: „Wie gehe ich nun? Die Erde ist hier hart, fremdlich, da muss ich mich noch daran gewöhnen...“
Sie ging nur kurz. Da sah sie auf einer Lichtung einen wohlhabenden Hof stehen. Im Hofe war eine Holzhütte mit einem fein geschnitzten Eingang und mit Muster geschmückten Fenstern. An einem Fenster saß eine wohlgenährte wohlhabende Hausherrin mit feuerroten Haaren und schaute Nasten'ka an, was sie wohl hier suchen mag?
Nasten'ka besann sich, dass sie keine Schuhe mehr hatte, das letzte Paar eiserner Stiefel hatte sie

kaputt getragen und war auch ohne Essen, das letzte eiserne Brot hatte sie auf dem Flug aufgegessen.
Sie sagte der schwarzäugigen Herrin mit feuerroten Haaren: „Heil und Wohl dir, Herrin des Hofes! Braucht ihr vielleicht eine Magd, die fürs Brot, Kleidung und Schuhwerk arbeitet?“
„Brauchen wir“, erwiderte die Hausherrin, „kannst du Öfen heizen, Wasser holen und Mittagsmahl kochen?“
„Ich lebte bei meinem Fater ohne die Mutter, ich kann alles.“
„Und kannst du spinnen, weben und sticken?“
Nasten'ka erinnerte sich an die Geschenke, welche die Göttinnen ihr geschenkt hatten.
„Kann ich“, sagte sie.
„Gehe dann ins Gesindehaus.“, erwiderte die Hausherrin.
So begann Nasten'ka mit der Arbeit auf einem fremden wohlhabenden Hofe, dem sie jetzt diente. Nasten'ka hatte ehrliche fleißige Hände – jede Aufgabe gelang ihr gut.
Die Hausherrin schaute Nasten'ka an und erfreute sich daran, weil sie ja weder solch eine fleißige, noch gütige und aufmerksame Magd jemals gesehen hatte. Nasten'ka nahm auch das einfache Brot und trank es mit Kwass auf, ohne dass sie nach Tee fragte. Die Herrin lobte sie bei ihrer Tochter: „Schau nur, welch eine fleißige Magd haben wir auf dem Hof: bescheiden, flink, im Gesicht zart und freundlich!“
Die Tochter der Hausherrin schaute sich Nasten'ka an und sagte: „Pfui! Auch wenn sie so zärtlich und freundlich sein mag, bin ich viel schöner als sie und mein Körper ist üppiger und mein Haar glänzt wie Feuer und in ihrem Haar spiegelt sich bloß das Stroh wider!“
Als der Tag sich neigte und sie mit der Hofarbeit fertig war, setzte sich Nasten'ka ans Spinnen. Sie setzte sich auf eine Bank, holte den silbernen Boden mit der goldenen Spindel hervor und begann mit dem Spinnen. Sie spann, der Faden zog sich von der Wolle, doch es war kein einfacher, sondern ein goldener Faden.
Sie spann und schaute dabei auf den Boden und es kam ihr vor, als ob sie da ihren Hellen Falken sehen würde: Er schaue sie so an, als ob er lebendig wäre. So schaute Nasten'ka ihn an und redete mit ihm: „Mein Liebster, mein Falke, wofür lässt du mich allein, wieso weine ich nun? Es sind meine dummen Schwestern gewesen, deren Sinne getrübt wurden, die uns getrennt haben und dein Blut fliessen liessen.“
Die Tochter der Hausherrin kam in diesem Augenblick ins Gesindehaus, stellte sich in der Nähe, schaute sich Nasten'ka an und horchte.
„Wer bereitet dir solch einen Kummer, Maid?“ fragte sie, „Und was für ein Spielzeug hältst du in deinen Händen!“
Nasten'ka erwiderte: „Es ist mein Liebster, der Helle Falke. Und hier spinne ich einen Faden und werde dann für meinen Falken ein Handtuch sticken, dass er morgens damit sein Gesicht wischen kann.“
„Ich will dein Spielzeug kaufen!“, bat sie die Tochter der Hausherrin. „Auch mein Gatte ist ein Heller Falke, ich werd ihm auch einen Faden spinnen“.
Nasten'ka schaute die schwarzäugige Tochter der Herrin an, hielt ihre goldene Spindel an und sagte: „Ich habe kein Spielzeug, das ist Arbeit, was ich in meinen Händen halte. Und den silbernen Boden und die goldene Spindel hat mir eine gütige Großmutter geschenkt, das kann keiner kaufen!“
Die Tochter der Hausherrin war beleidigt, sie wollte die goldene Spindel für jeden Preis haben.
„Wenn es ohne Kauf geben kann“, meinte sie, „dann lass uns Tausch tun, ich schenke dir dann auch ein Ding.“
„Schenke mir was“, erwiderte Nasten'ka, „erlaube mir, dass ich deinen Gatten den Hellen Falken wenigstens nur kurz mit einem Äuglein sehen darf! Vielleicht erinnert er mich etwas an meinen Falken!“
Die Tochter der Hausherrin dachte kurz nach, schüttelte ihre feuerroten Haare wie Wellen und willigte ein. „Na bitte, Maid“, meinte sie, „Gib mir dein Spielzeug“.
Sie nahm bei Nasten'ka den silbernen Boden und die goldene Spindel und dachte bei sich:

'Ich zeig ihr meinen Gatten den Hellen Falken ganz kurz, es wird ihm schon gut gehen: Ich gebe ihm einen Schlaftrunk, und durch diese goldene Spindel werden ich und meine Mutter reich!'
Spät in der Nacht kehrte der Helle Falke von Himmel wieder, er wandelte sich in einen jungen Mann und setzte sich ans Abendmahl in der Familie: Die Schwiegermutter und der Helle Falke mit seiner Gattin.
Die Tochter der Hausherrin ließ Nasten'ka rufen: Sie soll am Tische dienen und sich den Hellen Falken anschauen, so wie der Tausch war. Nasten'ka erschien, bediente alle am Tische, reichte Speisen und hatte nur den Blick für ihren Hellen Falken. Und der Helle Falke saß benebelt am Tische, als ob er woanders wäre – wie sollte er Nasten'ka erkennen, sie war auch durch die weite Reise sehr erschöpft, und durch den Kummer seinetwegen war ihr Gesicht ganz anders geworden. Auch trug der starke Rauschtrunk der Gattin sein Übriges bei.
Die Herrschaften waren mit dem Abendmahl fertig, der Helle Falke stand auf und ging in sein Schlafgemach für die Nachtruhe.
Nasten'ka sagte dann der jungen Herrin mit feuerroten Haaren: „Im Hof fliegen so viele Fliegen. Da gehe ich ins Gemach des Hellen Falken und jage die Fliegen fort, damit er besser schlafen kann.“
„Ach, lass sie doch, soll sie gehen!“, meinte die alte Herrin.
Die junge Herrin dachte auch hier nach. „Nein“, erwiderte sie, „sie soll warten“.
Und sie ging dem Gatten hinterher, gab ihm für die Nacht einen Schlaftrunk und kehrte wieder.
„Vielleicht hat die Magd noch etwas Spielerisches, was ich mit ihr tauschen kann!“, dachte die Tochter der Herrin bei sich.
„Gehe jetzt“, sagte sie Nasten'ka, „gehe und jage Fliegen von dem Hellen Falken fort!“
Nasten'ka kam ins Gemach des Hellen Falken, ohne dass sie noch an die Fliegen dachte. Sie sah ihren Herzallerliebsten tief und fest schlafen. Sie schaute ihn an und konnte sich nimmer mehr satt sehen. Sie beugte sich über ihn, ganz nahe, atmete mit seinem Atem, flüsterte ihm: „Wach auf, mein Liebster, mein Heller Falke, ich bin bei dir, ich habe sieben Paar eiserne Stiefel solange getragen bis sie runter gewetzt waren und dabei sieben eiserne Brote aufgegessen!“
Und der Helle Falke schlief so tief und fest, die Augen blieben geschlossen, ohne dass auch nur ein Wort über seine Lippen kam.
Dann kam die Gattin des Hellen Falken ins Gemach - die Tochter der Herrin und fragte: „Hast du die Fliegen fortgejagt?“
„Habe ich“, erwiderte Nasten'ka, „sie sind durchs Fenster weggeflogen.“
„Na dann gehe wieder ins Gesindehaus schlafen“.
Am nächsten Tage nachdem Nasten'ka mit allen Arbeiten am Hofe fertig gewesen war, nahm sie den silbernen Teller und rollte darauf das goldene Ei: Sobald sie das Ei einmal in voller Runde rollte, rollte sofort ein neues goldenes Ei von dem Teller. Rollte sie es erneut, so rollte auch ein weiteres goldenes Ei vom Teller. Dies erblickte die Tochter der Hausherrin.
„Ei,“ meinte sie, „und solch ein Spielzeug hast du auch! Ich kaufe es, oder ich gebe dir dafür alles, was du willst. “
Nasten'ka antwortete: „Wie kann ich es für den Kauf anbieten, eine gütige Großmutter hat es mir doch geschenkt. Den Teller mit dem Ei schenke ich dir. Hier nimm es !“
Die Tochter der Hausherrin nahm das Geschenk und war sehr erfreut: „Vielleicht brauchst du auch etwas, Nasten'ka? Kannst mich um alles bitten, was du willst.“
Nasten'ka bat dann: „Ich brauche ja nur eine Kleinigkeit. Erlaube mir wieder, dass ich die Fliegen vom Hellen Falken fort jagen darf, wenn er sich schlafen gelegt hat.“
„Gern“, erwiderte die junge Hausherrin.
Bei sich dachte sie aber: „Was kann schon mit dem Gatten passieren, wenn er von der fremden Maid beäugelt wird! Vom Schlaftrunk wird er eh so tief und fest schlafen, macht kein Auge auf, die Magd hat vielleicht noch ein Spielzeug! “
Gen Nachts kehrte der Helle Falke wie sonst auch vom Himmel wieder, wandelte sich in einen jungen Mann und setzte sich ans Abendmahl mit seiner Familie.
Die Gattin des Hellen Falken ließ Nasten'ka rufen, damit sie am Tische dient und Speisen reicht.

Nasten'ka reichte Speisen, stellte Tassen, legte Löffel und hielt indes den Blick nur auf den Hellen Falken. Und Finist schaute sie an, doch waren seine Augen so getrübt, als dass er seine Nasten'ka erkennen konnte.
Und genau wie tags davor gab die Tochter der Herrin ihrem Gatten einen Schlaftrunk und legte ihn ins Schlafgemach. Und die Magd Nasten'ka schickte sie an ihn und befahl ihr, dass sie die Fliegen fortjage.
Nasten'ka kam beim Hellen Falken an, begann mit ihrem Rufen und weinte, sie dachte, heute wird er aufwachen, sie anschauen und seine Nasten'ka erkennen. Sehr lange rief sie nach ihm und wischte sich schnell ihre Tränen vom Gesicht, da sie sonst auf das weiße Gesicht ihres Liebsten getropft wären und es nass gemacht hätten. Und der Helle Falke schlief so tief, dass seine Augen fest geschlossen blieben.
Am dritten Tag war Nasten'ka mit allen Hofarbeiten fertig, setzte sich auf die Bank im Gesindehaus, holte den goldenen Stickrahmen und die Nadel hervor. Sie hielt den goldenen Stickrahmen in den Händen, und die Nadel stickte ganz allein am Stoff. So stickte Nasten'ka und sang dabei: „Sticke, sticke, mein rotes Muster, sticke für meinen Liebsten, den Hellen Falken, möge er etwas zum Bewundern haben!“
Die junge Hausherrin war derzeit ganz in der Nähe und trat ins Gesindehaus herein. Sie sah in Nasten'kas Händen den goldenen Stickrahmen und die Nadel, die ganz allein stickte. Das Herz füllte sich mit Neid und Gier und so sagte sie: „Och, Nasten'ka, Schätzchen, du schöne Maid! Schenk' mir dieses Spielzeug, oder nimm, alles, was du willst als Tausch! Die goldene Spindel habe ich schon, ich werde Faden spinnen, Leinen weben, doch den goldenen Stickrahmen mit der Nadel fehlt mir noch - womit kann ich denn sticken? Willst du tauschen oder kann ich es kaufen? Ich gebe dir den rechten Preis!“
„Das ist falsch“, erwidert Nasten'ka, „man darf den goldenen Stickrahmen mit der Nadel weder kaufen noch tauschen. Ich habe sie von der gütigsten und der schönsten Göttin als Geschenk erhalten. Doch ich gebe sie dir als Geschenk.“
Die junge Hausherrin nahm den Rahmen mit der Nadel, war jedoch mit leeren Händen gekommen, so fehlte ihr etwas, was sie Nasten'ka geben konnte. So sagte sie dann: „Komm, wenn du willst, von meinem Gatten, den Hellen Falken die Fliegen fortjagen. Du bittest ja sonst selber dafür.“
„Na gut, ich werde schon kommen“, sagte Nasten'ka.
Nach dem Abendmahl wollte die junge Hausherrin erst keinen Schlaftrunk dem Hellen Falken geben, dann überlegte sie es sich doch anders und gab ihm die Zaubertropfen in seinen Trunk: „Was soll er sich die Maid anschauen, er soll lieber schlafen!“
Nasten'ka ging ins Gemach des Hellen Falken. Nun ertrug es ihr Herz kaum noch mehr. Sie schmiegte sich an seine weiße Brust und flehte: „Wache auf, wache doch auf, mein Helles Falklein! Ich bin durch sieben Himmelserden auf Füssen gegangen, bin auf dem Wege nach meinem Liebsten durch Swarog's Himmel hindurch geflogen! Selbst der Tod war erschöpft von meiner Reise durch die Himmelserden, sieben Paar eiserne Stiefel haben meine Füße runter getragen, sieben eiserne Brote habe ich im Himmel aufgegessen. Steh auf, wach auf, mein Liebster, mein Falke! Hab Erbarmen mit mir!“
Und der Helle Falke schlief, vom fremdirdischen Trunk betört, dass er weder was spürte, noch Nasten'kas Stimme hörte.
Sehr lange weckte und weinte Nasten'ka über dem Hellen Falken, doch er schlief tief und fest, so stark war der Trunk der Gattin. Nur fiel da eine Träne von Nasten'ka auf die Brust des Hellen Falken und eine andere auf sein Gesicht. Die eine heiße Träne brannte auf dem Herzen des Falken und die andere liess seine Augen öffnen, und so erwachte er noch im gleichen Augenblick.
„Ach“, rief er, „was brennt in mir!“
„Mein Liebster, Heller Falke!“, erwiderte ihm Nasten'ka, „Wache für mich auf, ich bin gekommen! So lange habe ich nach dir gesucht, viel Eisen habe ich durch Himmel und Erden runtergetragen! Sie sind auf dem Weg nach dir ganz runter gewetzt, doch ich habe es durchgehalten! Die dritte Nacht rufe ich schon nach dir, und du schläfst und schläfst! Hörst du meine Stimme? Ich habe dein

Geschenk bewahrt!“ Und sie zeigte ihm das Schächtelchen, worin die graue Feder lag.
Da erkannte der Helle Falke seine Nasten'ka, die schöne Maid. Er war so erfreut über sie, dass er erst kein Wort über die Lippen bringen konnte. Er drückte Nasten'ka an seine weiße Brust und küsste ihren süssen Mund.
Als er dann ganz wach wurde und sich daran gewöhnte, dass Nasten'ka bei ihm war, sagte er ihr: „Wärest du jetzt ein graues Täubchen, meine treue schöne Maid, so würden wir gemeinsam von hier weg fliegen!“
Da holte Nasten'ka das mehrfarbige Bändchen, das Geschenk von Tarch Perunowitsch, flocht es in ihren blonden Zopf ein und wandelte sich sogleich in eine Taube, und ihr Liebster in den Falken. So flogen sie in den nächtlichen Himmel hoch hinweg und flogen die ganze Nacht nebeneinander, bis in die Morgendämmerung.
Als sie flogen, fragte Nasten'ka: „Falke, Falke wohin fliegst du, deine Gattin wird dich doch missen!“
Der Finist Falke hörte sie und erwiderte: „Ich fliege mit dir, schöne Maid. Und wer seinen Gatten gegen Spindel, Teller und Nadel tauscht, solch eine Frau braucht keinen Gatten, sie wird ohne Kummer bleiben.“
„Und wieso hast du dann solch eine Frau geheiratet?“, fragte Nasten'ka, „Oder war es ohne deinen Willen?“
„So war es wohl kaum mein Wille, sondern der fremdirdische Liebeszaubertrunk, von dem hatte ich jedoch weder Liebe noch ein glückliches Los.“ Und sie flogen weiter nebeneinander.
Und in der Morgendämmerung setzten sie sich auf den Boden neben die Himmelskutsche des Tarch Perunowitsch. Dazhd'bog nahm den Falken und die Taube auf in seine Himmelskutsche und brachte sie direkt auf die Midagrd-Erde.

Sie flogen über die Heimaterde, in die heimischen Gefilden und sobald sie an dem altbekannten Wald angekommen waren, schaute Nasten'ka. Sie sah das Holzhaus ihres Faters in der Waldsiedelei stehen, ganz so wie es früher war. Nasten'ka wollte so sehr ihren Fater sehen und wandelte sich im selben Augenblick in die schöne Maid. Und der Helle Falke landete auch auf Mutter Erde und wurde wieder eine Feder.
Nasten'ka nahm die Feder, steckte sie sich an die Brust und suchte den Fater auf.
„Heil und Wohl dir, meine jüngste Tochter, meine Lieblingstochter! Ich dachte schon, du bist vom Wege in der Swarogwelt gekommen! Danke dir, dass du deinem Fater noch gedenkst und in die heimische Siedelei heimgekehrt bist. Wo warst du denn so lange, wieso dauerte es so lange, bis du ins elterliche Heim wiedergekehrt bist?“
„Verzeihe mir, liebes Fäterchen, ich musste etwas tun.“
„Na gut, wenn du es musstest, dann ist es so. Danke, dass du dies jetzt geklärt hast.“

Das alles geschah am Festtag von Triglaw32 und in der Umgebung war ein großer Jahrmarkt eröffnet. Der Fater machte sich mal wieder auf den Jahrmarkt auf, und die älteren Schwestern kamen auch mit, dass sie sich Geschenke suchen konnten.
Der Fater lud auch die jüngste Tochter, Nasten'ka, auf die Fahrt ein.
Nasten'ka sagte ihm jedoch: „Fäterchen, ich bin von der Reise sehr müde und fehlt mir auch ein Kleid. Auf dem Jahrmarkt sind wohl alle festlich gekleidet.“

„Ich werd' dich festlich kleiden, Nasten'ka“, erwiderte Fater, „auf dem Jahrmarkt gibt es sicher viel Handel.“
Die älteren Schwestern sagten Nasten'ka: „Zieh doch unsere Gewänder an, wir haben einige übrig.“
„Ach, Schwesterchen, ich danke euch!“, erwiderte Nasten'ka, „Eure Kleider haben eine andere

Grösse und ich fühle mich jetzt daheim am wohlsten.“
„Na dann soll es nach deinem Willen sein“, sagte der Fater, „Und was soll ich dir vom Jahrmarkt mitbringen, welches Geschenk? Sag es bitte, es würde deinen Fater sonst kränken!“
„Ach, Fäterchen, was brauche ich schon, habe ja alles! Meine weite Reise hatte einen gewichtigen Grund und jetzt bin ich von der Reise sehr erschöpft.“
Der Fater fuhr sodann mit den älteren Schwestern auf den Jahrmarkt los. Sogleich holte Nasten'ka ihre Feder hervor. Sie liess sie auf den Boden fallen, und da wandelte sich die Feder in einen wunderschönen jungen Mann, den Hellen Falken. Nun ward er noch schöner als davor. Nasten'ka wunderte sich sehr darüber und brachte vor Glück kaum ein Wort hervor. Dann sagte ihr der Falke: „Schau mich nicht so wunderlich an, Nasten'ka, durch deine Liebe bin ich so geworden.“
„Ich wundere mich zwar“, erwiderte Nasten'ka, „doch für mich bist du immer der gleiche, ich liebe dich in all deinen Erscheinungen.“
„Und wo ist dein Fater?“
„Er ist auf den Jahrmarkt gefahren und meine älteren Schwestern sind auch mit“.
„Und wieso bist du hier geblieben, Nasten'ka?“
„Ich habe meinen Liebsten, den Hellen Falken bei mir, was brauche ich vom Jahrmarkt?“
„Und was brauche ich?“, fragte der Finist, „Ich bin doch nur von deiner Liebe reich geworden.“
Der Falke wandte sich von Nasten'ka weg und pfiff ins Fenster – sogleich kam auf seinen Ruf eine Kutsche mit Gold bemalt, und die drei weiße Pferde ließen ihre Mähne bis auf den Boden herunter. Die beiden kleideten sich festlich, stiegen in die Kutsche ein und die Pferde rannten schnell wie der Wind.
So kamen sie in die Stadt auf den Jahrmarkt, der Jahrmarkt wurde soeben geöffnet, all die reichen Waren und Speisen lagen in Bergen da, und die Menschen waren noch auf dem Wege dahin.
Der Falke erwarb auf dem Jahrmarkt alle Waren, alle Speisen, die dort waren und befahl sie mit den Wagen in die Waldsiedelei, in Nasten'kas Faters Hof. Nur die Radsalbe ließ er auf dem Markt stehen. Er wollte, dass das ganze Folk, welches hier auf den Jahrmarkt kommt, sein Gast auf der Hochzeit wird und schneller fahren kann. Und für die schnelle Fahrt brauchen sie alle Radsalben.
Der Helle Falke und Nasten'ka fuhren in die Waldsiedelei. Sie fuhren schnell, die weißen Pferde rangen vor Wind nach Luft.
Auf dem halben Wege erblickte Nasten'ka ihren Fater und die älteren Schwester. Sie waren noch auf dem Hinweg und Nasten'ka ließ sie kehrt machen, auf den heimischen Hof, für die Feier ihrer Hochzeit mit dem Hellen Falken vom Sternbild Finist.
Und drei Tage später hatte sich das ganze Folk, welches 100 Werst im Kreis lebte, in der Waldsiedelei gesammelt. Auch der alte Wolchwe kam in die Waldsiedelei, er segnete den Ehebund seines Sohnes mit Nasten'ka, und man feierte eine erstaunliche und reiche Hochzeit. Beim hochzeitlichen Festmahl tat man die Butter von dem silbernen Butterdöschen mit dem goldenen Deckelchen, welches die Göttin Nesretscha geschenkt hatte, ins Essen hinein. Also so ein schmackhaftes Essen hatte keiner bis jetzt probiert. Vom Mehl, das die silberne Mühle mit Malachitsteinen gemahlen hatte, backte man Honigkuchen, also süßer hatte in jenen Landen auch keiner gekostet. Und wie Nasten'ka das Zitherlein spielte, so ging die ganze Welt33 tanzen.
Auf jener Hochzeit waren unsere Urgroßfäterchen und Urgroßmütterchen! Lange feierten sie, rühmten das Brautpaar, vom Frühjahr bis in den Herbst hinein hätten sie gefeiert, da kam allerdings die Zeit der Ernte, das Korn fiel herunter. So ging auch diese Hochzeit vorüber und die Gäste kehrten wieder heim. Die Hochzeit ward vorbei und die Erinnerung an das Festmahl schlief im Folke ein. Das treue liebevolle Herz von Nasten'ka blieb jedoch für immer in den slawischen Stämmen auf der heimischen Midgard-Erde in tiefer Erinnerung am Leben.
Dzhiwa
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